Über Selbstbewusstsein und Rechthaberei

Du kennst sie bestimmt. Menschen, die auf den ersten Blick unglaublich selbstbewusst wirken. Sie sprechen laut, haben zu allem eine Meinung und scheinen jede Diskussion gewinnen zu wollen.
Doch schaut man genauer hin, bleibt oft ein anderer Eindruck zurück:
Denn echtes Selbstbewusstsein muss sich nicht ständig beweisen.
Viele verwechseln Selbstbewusstsein mit Dominanz. Sie glauben, wer am lautesten spricht, am häufigsten das letzte Wort hat oder jede Diskussion gewinnt, sei automatisch souverän. Dabei ist oft das Gegenteil der Fall.
Wirklich selbstbewusste Menschen müssen andere nicht klein machen, um selbst groß zu wirken. Sie können zuhören, andere Meinungen stehen lassen und müssen nicht jeden Punkt für sich entscheiden.
Ich erinnere mich an ein Seminar zum Thema Argumentation:
Der Schwerpunkt lag darauf, überzeugend zu argumentieren, schlagfertig zu reagieren und den eigenen Standpunkt erfolgreich zu vertreten.
Eine Teilnehmerin nahm diese Aufgabe allerdings sehr wörtlich. Sie sprach laut, unterbrach ihr Gegenüber immer wieder und ließ ihm kaum Gelegenheit, seine Gedanken zu Ende zu führen. Immer wenn er zu einem Argument ansetzen wollte, war sie schon mit dem nächsten Einwand da.
Am Ende hatte sie die Diskussion gewonnen. Zumindest oberflächlich. Ihr Gegenüber konnte seine Argumente kaum entfalten, wirkte unsicher und gab schließlich auf.
Sie lehnte sich zurück, lächelte zufrieden und war überzeugt, ihre rhetorische Stärke bewiesen zu haben.
Doch während sie glaubte, gewonnen zu haben, spielte sich bei den anderen Teilnehmern etwas ganz anderes ab. Niemand sprach es aus. Aber fast alle hatten denselben Gedanken:
„Mit ihr möchte ich keine Diskussion führen.“
Und genau das ist der entscheidende Punkt. Denn Kommunikation ist weit mehr als das Gewinnen einer Diskussion. Sie entscheidet darüber, ob Menschen dir zuhören, dir vertrauen und gerne wieder mit dir sprechen.
Dominanz ist keine Überzeugungskraft.
In der Rhetorik spricht man häufig von Gesprächsdominanz. Menschen können Gespräche dominieren, indem sie lauter sprechen, häufiger unterbrechen, schneller argumentieren oder ihrem Gegenüber schlicht keine Zeit zum Antworten lassen.
Das Problem dabei:
Dominanz erzeugt häufig kurzfristiges Schweigen – aber selten langfristige Überzeugung. Wer andere ständig überfährt, gewinnt vielleicht das Wort. Aber nur selten ihre Zustimmung. Denn Menschen erinnern sich weniger daran, wer Recht hatte, sondern vielmehr daran, wie sie sich während des Gesprächs gefühlt haben. Wer sich nicht ernst genommen fühlt, wird sich innerlich verschließen – selbst wenn die Argumente der anderen Person sachlich richtig waren.
Wirklich selbstbewusste Menschen müssen nicht gewinnen
Eine der größten Erkenntnisse, die ich in den letzten Jahren über Kommunikation gelernt habe, lautet: Menschen mit echtem Selbstbewusstsein müssen nicht jede Diskussion gewinnen.
Sie stellen Fragen.
Sie hören zu.
Sie lassen andere ausreden.
Sie können sogar sagen:
"Da hast du einen guten Punkt."
Oder:
"Darüber habe ich noch nie nachgedacht."
Das wirkt auf manche wie Schwäche. In Wahrheit ist genau das ein Zeichen innerer Stärke. Denn nur Menschen, die sich ihres eigenen Wertes sicher sind, können es aushalten, nicht immer Recht zu haben.
Was steckt hinter Rechthaberei?
Interessanterweise entsteht Rechthaberei häufig gar nicht aus Stärke, sondern aus Unsicherheit. Wer seinen Selbstwert stark an seine Kompetenz oder Intelligenz knüpft, erlebt Widerspruch schnell als persönlichen Angriff. Deshalb wird jede Diskussion zu einem Wettkampf. Nicht, weil es um die Sache geht. Sondern weil das eigene Selbstbild verteidigt werden muss. Je stärker jemand beweisen muss, dass er Recht hat, desto größer ist häufig die Angst, Unrecht zu haben.
Wie gehst du mit solchen Menschen um?
Der größte Fehler ist, sich auf denselben Schlagabtausch einzulassen.
Wer versucht, einen Dominanzkampf mit Dominanz zu gewinnen, landet meist in einer Endlosschleife.
Hilfreicher ist es,
ruhig zu bleiben und das Tempo nicht mitzugehen,
Unterbrechungen freundlich, aber konsequent anzusprechen,
den Fokus immer wieder auf das eigentliche Thema zurückzuführen,
und sich bewusst zu machen, dass nicht jede Diskussion gewonnen werden muss.
Manchmal ist der souveränste Satz schlicht:
"Ich glaube, wir werden uns heute nicht einig – und das ist in Ordnung."
Oder:
"Lass mich meinen Gedanken bitte kurz zu Ende führen, danach höre ich dir gerne zu."
Damit setzt du eine Grenze, ohne selbst respektlos zu werden.
Fazit
Selbstbewusstsein erkennt man nicht daran, wie laut jemand spricht. Nicht daran, wie viele Diskussionen jemand gewinnt. Und auch nicht daran, ob jemand immer das letzte Wort hat.
Echtes Selbstbewusstsein zeigt sich darin, wie sicher ein Mensch bleibt, wenn er widersprochen bekommt. Wer andere ausreden lässt, aufmerksam zuhört und unterschiedliche Meinungen aushalten kann, wirkt langfristig überzeugender als jemand, der jede Unterhaltung als Wettkampf versteht.
Denn das Ziel guter Kommunikation ist nicht, Menschen zu besiegen. Sondern sie zu erreichen.



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